Mit Herrchen durch dick und dünn

Wie der Sehbehinderte Stefan Neubauer bei Yesim Bilz gewaltfreie Methoden kennenlernt
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Koryphäe Michele Pouliot aus USA zu Gast.
[von Elke Weigelt]

Stefan Neubauer ist ein Mann mit einem Handicap. Um damit im Alltag klarzukommen, benötigt er Hilfsmittel. Sein wichtigstes hat vier Pfoten: Dies ist eine Geschichte über einen fast blinden Verwaltungsangestellten, gewaltfreies Tiertraining in einer Gründauer Hundeschule, einen Star aus den USA und Labradoodle Baily (Labrador-Pudel-Mischling), deren Schicksal ungewiss ist.

Baily hat im kleinen Park unterhalb der Kreisverwaltung in Gelnhausen ein trockenes Hölzchen gefunden, das sie mit dem Maul hochwirft und mit der Pfote festhält, so, als wäre es ein Spielzeug oder ein Beutetier. Mit ihrem freundlichen Wesen und ihrem in alle Richtungen abstehenden Fell zieht die noch keine drei Jahre alte Hündin Streichelhände magisch an. Aber Kuscheln im Dienst ist nicht erlaubt, denn Baily ist Blindenführhündin. Im Alter von 23 Jahren brach bei dem gelernten Gas-Wasser-Installateur Stefan Neubauer Retinitis pigmentosa (RP) aus. RP ist die Bezeichnung für eine Gruppe von erblichen Augenerkrankungen, die eine Zerstörung der Netzhaut (Retina), des sehfähigen Gewebes am Augenhintergrund, zur Folge hat. Der heute 46-Jährige verfügt noch über einen kleinen Rest von Sehfähigkeit – wie lange noch, kann niemand sagen, das Krankheitsbild weist sehr unterschiedliche Verläufe auf. Wahrscheinlich ist aber, dass er eines Tages vollkommen blind sein wird. 1999 begann er eine Umschulung, seit 2006 ist er beim Main-Kinzig-Kreis als Telekommunikationsoperator beschäftigt.

Mit Hunden ist Stefan Neubauer groß geworden und so wuchs mit dem zunehmenden Verlust der Sehfähigkeit auch das Interesse an einem Blindenführhund. „Also, habe ich mich schlau gemacht zum Thema“, sagt er. Ein Blindenführhund ist einerseits eine kostspielige Angelegenheit. Der Preis liegt in der Regel bei 25 000 bis 30 000 Euro, in der Schweiz sogar bei bis zu 60 000 Franken. Blindenführhundschulen gibt es viele in Deutschland, einheitliche Standards für die Ausbildung hingegen nicht. Auch der Weg der Antragstellung ist lang, aber Stefan Neubauer wird von seiner Krankenkasse unterstützt. Und er hat Glück: Seine erste Blindenführhündin Lilly, eine Labradordame, ist genau die richtige Begleitung für den sehbehinderten Mann, der in Freigericht lebt und dort ein Häuschen mit Garten hat. „Wir sind zusammen durch dick und dünn gegangen“, sagt er und lächelt glücklich. Nach sechseinhalb Jahren muss Lilly aus gesundheitlichen Gründen ihren Dienst als Blindenführhund quittieren, in einer Privatfamilie findet sie ein tolles Zuhause. Neubauer sucht nach einem neuen Partner auf vier Pfoten. Die schwarze Labradorhündin Beauty scheint eine gute Wahl zu sein, entpuppt sich aber an der Leine und im Führgeschirr als aggressiv gegen andere Hunde. Während der zweiwöchigen Einarbeitung zeigt Beauty dieses Verhalten nicht, da die Trainerin der Blindenführhundschule in der Nähe ist.
Ist Beauty hingegen mit Stefan Neubauer im Einsatz, bringt sie ihn beim Auftauchen anderer Hunde in brenzlige Situationen. „Aber sonst war sie ein top Hund“, sagt Neubauer. Er sucht sich Hilfe vor Ort, kommt 2015 in Kontakt mit der Hundeschule Bilz in Mittel-Gründau. Yesim Bilz hat zwar jede Menge Hundeerfahrung – aber nicht mit Sehbehinderten und Blinden. „Ich musste das Training so gestalten, dass Herr Neubauer – auch wenn ich nicht neben ihm ging – wusste, wann ein anderer Hund auftaucht, damit er agieren konnte anstatt nur zu reagieren. Dafür benutzten wir dann zum Beispiel ein Walkie-Talkie und Ohrstöpsel“, sagt Bilz im Gespräch mit dem GT.

Die Vermutung liegt nahe, dass Beauty schlechte Erfahrungen in ihrer Ausbildung gesammelt hat, wahrscheinlich mit anderen Hunden. „Das große Problem ist, dass es keine einheitlichen Standards bei der Ausbildung von Blindenführhunden gibt“, beklagt Yesim Bilz. Das gelte auch für alle Assistenzhunde, also Hunde, die beispielsweise Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung im Alltag zur Seite stehen. Ein Knackpunkt sei das häufig nicht gewaltfreie Training. Noch immer gehörten Leinenrucken, Wasserspritzen, Kneifen, Erschrecken, körperliches Bedrohen und anderes „Disziplinieren“ zur Ausbildung. Auch Bilz hat früher Methoden von bekannten „Hundeflüsterern“ genutzt, hinter denen sie heute nicht mehr steht. „Am schlimmsten ist das nicht mehr Hinterfragen. Hundehalter erschrecken und bedrohen ihre Hunde unnötig, nur weil ein Trainer sagt, das muss so sein. Wir erziehen unsere Kinder heute auch nicht mehr wie noch vor 50 Jahren. Warum nutzen so viele noch veraltete Methoden im Hundetraining?“ Die Maxime des gewaltfreien Trainings: „Sage dem Hund, was er machen soll, anstatt, was er nicht machen soll.“
Obwohl Yesim Bilz, Stefan Neubauer und seine Labradorhündin intensiv trainieren – in vielen Bereichen auch sehr erfolgreich – reagiert Beauty aber an der Leine und im Geschirr immer wieder aggressiv, wenn sie und ihr Mensch im Alltag alleine unterwegs sind. Wenn kein Sehender dabei ist, weiß Stefan Neubauer nicht früh genug, wann es Beauty zu viel wird. Für den Sehbehinderten eine schwere Situation. Einerseits hängt er natürlich an seinem Hund, sie sind als Team gut zusammengewachsen, andererseits bringt ihn das „Fehlverhalten“ in gefährliche Situationen.

Leider muss Stefan Neubauer im Austausch mit anderen Sehbehinderten und Blinden feststellen, dass Auffälligkeiten bei Blindenführhunden keine Einzelfälle sind. „Man sollte bei der Auswahl der Einrichtung kritisch sein“, weiß Neubauer heute aus Erfahrung. Der Gesamteindruck, die Art der Haltung, Sauberkeit, Zucht und natürlich die gewählten Ausbildungsmethoden sollte man unter die Lupe nehmen.“
Und: „Man sollte auch dann als Blinder den Mut haben, etwas zu sagen, wenn einem etwas an dem Hund auffällt, was man nicht für gut befindet. Also, wenn die Führarbeit nicht richtig läuft, der Hund zum Beispiel Bordsteine, Ampeln und so weiter nicht richtig anzeigt oder Jagdtrieb an den Tag legt. Viele Erst-Führhundhalter trauen sich nicht, etwas zu sagen, weil sie Angst haben, dass sie den Hund wieder abgeben müssen. Und mit diesen Gefühlen spielen viele Blindenführhundschulen. Wenn man aber nichts sagt, wird man keine Verbesserung erreichen.“

Als die Krankenkasse „grünes Licht“ gibt und Beauty einen schönen neuen Lebensplatz gefunden hat, machen sich Stefan Neubauer und Yesim Bilz diesmal gemeinsam auf die Suche nach einem neuen Begleithund. Eine kleine Odyssee. „Ich war geschockt, was wir da teilweise erlebt haben.“ Miserable Unterbringung, zweifelhafte Ausbildungsmethoden, Trainer, die sich selbst zertifizieren, die Liste ist lang. Schließlich fällt die Wahl auf Baily, ihre Ausbildungsstätte machte einen „sehr guten Eindruck“, bilanziert Neubauer. Auch mit dieser Hündin trainiert Stefan Neubauer weiter bei Yesim Bilz. Nach gewaltfreien Methoden, die auch funktionieren und die Stefan Neubauer lieber sind als zwicken, rucken und Wasserspritzen. Seine Kritik: „Die Grundausbildung vieler Assistenz-Hunde ist nicht ausreichend, was man auch angesichts des Preises und der Aufgabe, die ein solcher Hund erfüllen können sollte, kaum nachvollziehen kann.“

Yesim Bilz ist inzwischen tiefer in das Thema der Ausbildung von Blindenführ- und Assistenzhunden eingedrungen. Und es ist ihr gelungen, Michele Pouliot aus den USA für ein Seminar vor Ort zu holen. Michele Pouliot ist eine der versiertesten und erfahrensten Trainerinnen und Referentinnen weltweit. Sie ist seit 1974 professionelle Blindenführhunde-Instruktorin der größten Ausbildungsstätte für Blindenführhunde in den USA, hat als Leiterin des Forschungs- und Entwicklungsprogramms für die Ausbildung dieser Hunde großen Anteil an der Einführung des Clicker-Trainings für Blindenführhunde. Sie hat mit ihren Hunden Erfolge auf der höchsten Ebene vorzuweisen, als Champion der World Championship for Freestyle Organization, Dogdancing, Obedience and Agility. Für das Seminar, das am 4. und 5. Juni in der „Grünen Au“ in Niedermittlau stattfindet, haben sich Blindenführhunde-Trainer aus Großbritannien, der Schweiz und aus ganz Deutschland angemeldet.
Auch vier blinde und sehbehinderte Menschen werden an dem Seminar teilnehmen, unter ihnen auch Stefan Neubauer und Baily. Wie lange er mit ihr allerdings noch seinen Alltag teilen wird, ist ungewiss. Vor einigen Monaten wurde bei der jungen Hündin Spondylose, eine krankhafte Veränderung der Wirbelsäule, diagnostiziert. Je nach Schwere des Krankheitsbildes und dem Grad der Schmerzen können Hunde bei entsprechender Medikamentation mit Spondylose gut leben, für Diensthunde wie Baily allerdings kann das die Verrentung bedeuten. Für Stefan Neubauer ein Schlag. Denn die Hündin und er sind schon eng zusammengewachsen. Sollte eine Trennung demnächst anstehen, dann will Stefan Neubauer natürlich auch für Baily einen guten „Ruhestands“-Platz suchen. Aufgeben wird er nicht. Denn das höhere Maß an Selbstständigkeit, dass er mit einem Blindenführhund genießen kann, die zusätzlichen Kontakte, die sich dadurch in seinem Leben ergeben, die neuen Situationen, möchte er nicht mehr missen. Und erst recht nicht den emotionalen Teil dieser Partnerschaft.

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